Pferd füttern: zwölf Stunden Raufutter, Stärke pro Mahlzeit und was die Studien wirklich sagen
Zuletzt geprüft am 20. September 2026
Fütterungswissen wird meist weitergegeben statt nachgeschlagen — und die weitergegebene Fassung ist bei Dingen sehr sicher, bei denen die Forschung es nicht ist. Diese Seite hält sich an das, was veröffentlicht ist: eine deutsche Vorgabe mit konkreten Stunden, zwei tiermedizinische Konsenspapiere mit konkreten Gramm — und die Stellen, an denen der übliche Rat weiter geht als die Belege.
Das ist eine Zusammenfassung veröffentlichter Leitlinien, keine tierärztliche Beratung. Jede Ration hängt von Gewicht, Arbeit, Zähnen, Stoffwechsel und dem Raufutter ab, das gerade vor dem Pferd liegt. Was für deines gilt, entscheidet dein Tierarzt oder eine qualifizierte Fütterungsberatung — besonders bei Hufrehe, EMS, Magengeschwüren oder Untergewicht.
Schweiz? Dort gilt Art. 60 TSchV — verbindliches Recht, aber ohne Stundenzahl. Österreich? Dort verlangt die 1. Tierhaltungsverordnung mindestens drei Raufuttergaben täglich. Die Stundenvorgabe unten ist die deutsche; die tiermedizinischen Zahlen weiter unten gelten unabhängig davon.
Zwölf Stunden, und Pausen unter vier
Die Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutzgesichtspunkten sind die Grundlage, nach der in Deutschland eine Pferdehaltung amtlich beurteilt wird. Zur Fütterung werden sie ungewöhnlich konkret:
Falls kein Dauerangebot an rohfaserreichem Futter (ggf. auch Langstroh als Einstreu) erfolgt, ist es mindestens während insgesamt zwölf Stunden täglich anzubieten (Fresspausen möglichst nicht länger als vier Stunden).
Zwei Sätze vorher steht, warum: ohne ausreichend strukturiertes Futter und ohne Ruhe zum Fressen können „gesundheitliche Probleme (z. B. Magengeschwüre, Koliken) sowie Verhaltensstörungen" auftreten. Und: der natürlichen Fresshaltung entspricht die bodennahe Fütterung.
Das Bemerkenswerte daran ist, was hier geregelt wird — nicht die Menge, sondern die Verteilung über den Tag. Zwei große Portionen morgens und abends können die Tagesmenge erfüllen und die Vorgabe trotzdem verfehlen, weil dazwischen zwölf Stunden Pause liegen. Wer den Plan aufschreibt, schreibt deshalb nicht nur auf, was gefüttert wird, sondern wann.
Stärke: die zwei Zahlen mit Beleg
Das ECEIM-Konsenspapier zum Magengeschwürsyndrom des erwachsenen Pferdes wird an einer Stelle sehr konkret: Die Ration soll 2 g Stärke je kg Körpergewicht und Tag nicht überschreiten und 1 g je kg Körpergewicht und Mahlzeit. Für ein 500-kg-Pferd sind das 1 kg Stärke am Tag und 500 g in einer einzelnen Mahlzeit. Oberhalb von 2 g/kg und Tag steigt die Wahrscheinlichkeit einer squamösen Läsion ab Grad 2/5 etwa auf das Doppelte.
Begrenzt wird Stärke, nicht Futter. Ein Kilo Müsli mit 20 % Stärke enthält 200 g Stärke, ein Kilo getreidebetontes Kraftfutter mit 40 % das Doppelte. Der Stärkegehalt steht auf dem Sack oder ist beim Hersteller zu erfragen — ohne ihn lässt sich die Grenze nicht anwenden. Und deshalb ist es keine Kosmetik, dieselbe Tagesmenge auf mehr Mahlzeiten zu verteilen: die Grenze je Mahlzeit ist eine eigene Grenze.
Das ist auch der praktische Grund, das Futter zu wiegen statt zu schaufeln. Jede belegte Zahl in diesem Text steht je Kilogramm Körpergewicht. „Ein halber Messbecher" lässt sich damit nicht verrechnen, solange niemand weiß, was der Messbecher wiegt. Einmal auf die Küchenwaage, Ergebnis auf die Tonne schreiben — danach ist jede Empfehlung hier überprüfbar.
Wo die Evidenz schwächer ist als der Rat
„Mehr Raufutter, dann geben sich die Magengeschwüre" ist der meistwiederholte Satz zum Thema. Das Konsenspapier stützt ihn in dieser Form nicht. Es hält fest, dass freier Zugang zu faserreichem Futter weithin angenommen wird das Risiko zu senken, „starke Belege dafür jedoch ebenfalls fehlen" — und dass in einer Studie mit faserreicher gegenüber energiegleicher faserarmer Ration Anzahl und Schweregrad der squamösen Läsionen in der faserreichen Gruppe größer waren. Zum Weidegang nennt es die Datenlage widersprüchlich.
Das macht Raufutter nicht unwichtig — es bleibt die Grundlage der Ration, und Stroh als einziges Raufutter geht mit einem erhöhten Risiko einher. Es heißt nur etwas Engeres und Nützlicheres: Raufutter allein ist keine Behandlung. Ein Pferd mit Verdacht auf Magengeschwüre braucht eine Gastroskopie, kein größeres Heunetz und noch sechs Wochen.
Eine Seite, die nur die angenehme Hälfte der Literatur wiedergibt, ist beim Rest auch nicht zu trauen.
Der leichtfuttrige Typ: die Zahlen zum Abnehmen
Für Übergewicht und Insulindysregulation empfiehlt das ECEIM-Konsenspapier zum Equinen Metabolischen Syndrom eine Heuration aus Gräsermischung von 1,25–1,5 % des tatsächlichen Körpergewichts als Trockensubstanz, entsprechend 1,4–1,7 % als Frischmasse. Es schreibt offen, dass über den optimalen Grad der Restriktion Uneinigkeit besteht, „weil der Mindestbedarf an Raufutter gedeckt bleiben muss" — genau deshalb gehört diese Zahl in die Hand des Tierarztes und nicht in eine Faustregel.
- Einweichen wirkt, aber nicht präzise. Heu 7–16 Stunden bei Umgebungstemperatur eingeweicht verliert 24–43 % der wasserlöslichen Kohlenhydrate, und der Masseverlust der Pferde war mehr als doppelt so hoch wie bei derselben Menge trockenen Heus. Die Spanne ist so groß, weil Heu so verschieden ist: Einweichen senkt den Zucker, es vereinheitlicht ihn nicht.
- Kürzere Weidezeit heißt nicht weniger Gras. Pferde gleichen aus, indem sie schneller fressen — über 0,9 % des Körpergewichts als Trockensubstanz wurden in nur drei Stunden auf der Weide gemessen. Maulkörbe senken die Aufnahme auf 77–83 %, bei erhaltener Bewegung.
Die BMEL-Leitlinien nennen für dasselbe Ziel engmaschige Heunetze, Sparraufen oder zeitgesteuerte Raufen — Mittel, die die Fresszeit strecken, statt die Vorlage zu streichen. Das ist die Verbindung zwischen beiden Quellen: die Stundenvorgabe und die Mengenbegrenzung schließen sich nicht aus, sie verlangen nur, dass man die Menge langsamer verfüttert.
Aufschreiben, weil nicht du fütterst
Alle Zahlen oben scheitern am selben Punkt: an der Ration, die nur in einem Kopf existiert. Wer samstags das Futter mischt, ist selten der, der es festgelegt hat; aus „einem Messbecher" im März wird bis August etwas anderes; und eine Änderung, die am Dienstag aus gutem Grund getroffen wurde, ist für den, der am Mittwoch im Stall steht, unsichtbar.
Schreib die Ration dorthin, wo jeder sie liest, der füttert — Futter, Menge, wann, und an welchen Tagen, denn das Kraftfutter, das am Wochenende ausfällt, ist genau das Detail, das verloren geht. Den Stärkegehalt je Produkt daneben, damit die Grenze je Mahlzeit nachgerechnet und nicht geschätzt wird.
Ein Plan, den jeder liest, der füttert
EquiDiary führt den Futterplan am Pferd: was es bekommt, wie viel, wann und an welchen Tagen. Alle, mit denen das Pferd geteilt ist, lesen denselben Plan — auch in der Futterkammer ohne Empfang — und ändern kann ihn nur der Besitzer. Nach einer Änderung bietet die App an, sie im Tagebuch als Futterwechsel einzutragen, damit später noch beantwortbar ist, was das Pferd vor vier Wochen bekommen hat. Du bist weg? Ein Freigabelink bringt den Plan zu dem, der füttert — ganz ohne Konto.
Quellen
- BMEL — Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutzgesichtspunkten (9. Juni 2009) (zwölf Stunden Raufutter, Fresspausen, bodennahe Fütterung, Heunetze und Sparraufen)
- Sykes u. a. — ECEIM Consensus Statement: Equine Gastric Ulcer Syndrome in Adult Horses, Journal of Veterinary Internal Medicine 29(5):1288 (Stärke je Mahlzeit und Tag, Datenlage zu Raufutter und Weidegang)
- Durham u. a. — ECEIM consensus statement on equine metabolic syndrome, Journal of Veterinary Internal Medicine 33(2):335 (Restriktionsmengen, Einweichen, Maulkorb, NSC)
Die beiden Konsenspapiere sind über ihre DOI verlinkt, nicht über den Verlag: beide haben den Verlag seit Erscheinen gewechselt, die DOI hat den Wechsel überlebt. Leitlinien werden überarbeitet — prüfe vor dem Verlassen auf eine Zahl, ob eine neuere Fassung vorliegt.
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Weiter: Trainingsbelastung beim Pferd — wie viel Arbeit ein Monat wirklich war.